Engel der Verlorenen: Human Sacrifice has gone out of Style!

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Wie von Sinnen tanzt der junge Gangster Matsunaga (Mifune Toshiro) in einem Nachtclub zu amerikanischer Popmusik. Seine Augen sind eingefallen, sein Gesicht ist verzerrt, das Haar wild zerzaust.

Wenig später spuckt er Blut und bricht zusammen. Seine letzte Hoffnung ist der Arzt Dr. Sanada (Shimura Takashi), seineszeichens ein raubeiniger Trunkenbold mit einem guten Herzen, der sich in seiner Praxis in den Slums um die Armen kümmert und ihnen bei ihren Leiden beisteht. Trotz Sanadas in sich widersprüchlichem Wesen erscheint er als moralische Instanz und untermauert dies mit der persönlichen Aufopferung für seine  Aufgabe. Da er in Matsunaga einen letzten Funken Menschlichkeit zu erkennen glaubt, versucht er sich seiner anzunehmen, obwohl dieser, von seinem Stolz getrieben, immer wieder gegen die Zuwendung des Arztes ankämpft.

Doch Kurosawa Akira lässt seinen trunkenen Engel (der internationale Titel des Films lautet DRUNKEN ANGEL) nicht bloß gegen den unbändigen Starrsinn seines jungen Antihelden ankämpfen, sondern vielmehr gegen die sich gerade entwicklenden Strukturen im Nachkriegsjapan, innerhalb derer er sich bewegt. Die Bandenkriminalität scheint durch die noch vorherrschenden Traditionen des starren Ehrbegriffes und der männlicher Dominanz begünstigt. Der, im von den Alliierten besetzten Japan, notwendige Schritt hin zu einer demokratischen Gesellschaft, und damit einhergehend die Frage nach dem kulturellen Selbst, werden gebrochen von Armut, Krankheit und den kurzfristigen Glücksmomenten durchzechter Nächte in Jazzclubs westlicher Prägung.

Als Bild im Bild dient Kurosawa ein verdreckter Sumpf vor Sanadas Praxis, inmitten des Stadtteils in dem sich die Handlung des Films zuträgt. Kinder spielen in der stinkenden Brühe, den Ratschlag Sanadas ignorierend, der sie davor warnt, sich mit Tuberkulose zu infizieren. Ihnen gleich tut es Matsunaga, den der Arzt eindringlich auffordert, vom Alkohol abzulassen, der dem Sake letzten Endes aber genauso wenig entkommen kann, wie die Menschen dem Sumpf in ihrer Mitte.

Dass ausgerechnet die Figur des Arztes ebenso unter einem Alkoholproblem leidet ist kein Zufall. Mit voranschreitender Entwicklung des Drehbuches fanden Kurosawa und sein Co-Autor Uekusa Keinosuke ihre Titelfigur zunehmend langweilig. Durch den Kunstgriff, Sanada mit einem solchen Laster auszustatten, gelang es ihnen, dem Arzt eine komplexe Position in der sonst recht deutlichen schwarz-/weiß-Zeichnung ihrer Charaktere zu verleihen. “We made the doctor grey”, kommentierte Kurosawa später diese Entscheidung.

Über das bloße Abbild der maroden japanischen Nachkriegsgesellschaft hinaus, gelang es Kurosawa mit ENGEL DER VERLORENEN einen eindringlichen, normativen Kommentar abzugeben. Er hinterfragt die sozialen Zustände nicht bloß, sondern klagt ihre selbstzerstörerischen Auswüchse offen an. So etwa, als der skrupellose Gangster Okada (Yamamoto Reisaburô) nach einem längeren Gefängnisaufenthalt den patriarchalischen Anspruch auf seine ehemalige Partnerin geltend machen möchte, die mittlerweile als Gehilfin des Arztes in dessen Haus untergekommen ist. Sanada tritt Okada mutig entgegen und hält ihm eine flammende Rede auf die Eigenständigkeit der Frau und ein neues Wertebild. Als Matsunaga schließlich zugunsten des Arztes eingreifen und sich an den Yakuza-Boss wenden möchte, greift Kurosawa durch die Worte des Arztes schließlich eines seiner wichtigsten und immer wiederkehrenden Themen auf – die Kritik am überkommenen japanischen Ehr- und Opferbegriff: “Human Sacrifice has gone out of Style!”

Inmitten scheinbarer Perspektivlosigkeit setzt Kurosawa so immer wieder optimistische Akzente, die neben dem Arzt, vor allem durch die Frauenfiguren des Films auf unterschiedliches Weise verköpert werden. So etwa durch Sanadas Gehilfin, die ihrem alten Umfeld entflohen ist, durch eine Schülerin, die unter der selben Krankheit leidet wie Matsunaga, sich aber durch ihre verantwortungsvollere Herangehensweise auszeichnet, und eine Kellnerin, die sich in Matsunaga verliebt hat und den ausweglosen Versuch unternimmt, ihn aus dem Umfeld zu befreien, das für ihn den sicheren Tod bedeutet.

Mit ENGEL DER VERLORENEN, so urteilte Kurosawa, habe er zu sich selbst gefunden und seinen ersten “eigenen” Film gedreht. Zugleich begründete der Film die langjährige und äußerst fruchtbare Zusammenarbeit Kurosawas mit Toshiro Mifune. Diesem ließ Kurosawa bei der Gestaltung seiner Rolle des Yakuza freie Hand, womit Mifune die Darstellung des typischen Mobsters späterer Yakuza-Filme entscheidend prägen sollte und dem engagierten politischen Drama ENGEL DER VERLORENEN einen nachhaltigen Anstrich des Genrefilms verlieh.

Yoidore tenshi, Kurosawa Akira, Japan 1948, 98 min.

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