Geständnisse

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Am Ende lässt Nakashima Tetsuya (KAMIKAZE GIRLS) die Uhr für einen Augenblick rückwärts laufen und den Wunsch Wirklichkeit werden, den abgrundtief bösen, ultimativen Racheakt ungeschehen zu machen. Festgehalten wird dieser Moment in formschönen Zeitlupenaufnahmen voller Pathos und Energie. Dann läuft die Zeit wieder ab, die Erlösung bleibt verwehrt.

Es ist der Höhepunkt des gnadenlosen Rachefeldzuges, den Lehrerin Moriguchi (Matsu Takako, DAS VERBORGENE SCHWERT) gegen zwei ihrer Schüler führt. Den Grund dafür liefert sie am Ende des siebten Schuljahres vor der gesamten Klasse: Die beiden haben ihre dreijährige Tochter ermordet. Geschützt durch das Jugendschutzgesetz werden sie ohne Strafe davonkommen. „Aber das kann ich so nicht stehen lassen“, sagt Moriguchi. Die Täter nennt sie Schüler A und Schüler B, obwohl den Mitschülern sehr bald klar ist, um wen es sich handelt. Es ist diese Ambivalenz aus subtiler Verhüllung und entblößender Direktheit, die GESTÄNDNISSE besonders in seiner erzählerisch starken, ersten halben Stunde prägt.

Nakashimas Rachethriller GESTÄNDNISSE ist reich an ästhetisierter Kinematographie, permanenter Grenzüberschreitung und psychologischer Konstruktion. Konsequent werden hier, neben der Lehrerin, die Kinder als Protagonisten inszeniert. Sie sind Täter und Opfer zugleich. Sie alle leiden die Qualen der Jugend, fühlen sich verstoßen, misachtet und ungeliebt. In ihrem Streben nach Aufmerksamkeit verlieren sie schon bald den notwendigen Blick auf das Minimum an Grenzen und Gesetzen, die für die Funktion ihres schulischen Mikrokosmos ebenso notwendig sind, wie für ihre oft maroden familiären Strukturen.

Bisweilen möchte man glauben, dass Nakashima in den episodisch erzählten ‚Geständnissen‘ seiner Protagonisten tatsächlich den Motiven auf den Grund gehen möchte, die etwa dem traurigen Phänomen eines Schulmassakers zugrunde liegen. Verwehrte Mutterliebe, Mobbing oder schlicht der problematische Weg zur eigenen Charakterbildung der Heranwachsenden sind solche Erklärungsansätze, die in GESTÄNDNISSE eine Rolle spielen – doch letzten Endes unterliegen sie dem handlungstreibenden Zynismus.

Dieser effektorientierte Zugang zum Thema wird besonders in seiner Erzählweise deutlich: In jeder Episode wechselt GESTÄNDNISSE zunächst seine Erzählperspektive und liefert das ‚Geständnis‘ eines jeweils anderen Beteiligten. Ist das erste Geständnis noch konsequent aus der Sicht von Lehrerin Moriguchi erzählt, vermischen sich daraufhin zunehmend die subjektiven Eindrücke nahehezu aller Beteiligter. Jede Perspektive wird ergänzt, kommentiert oder konterkariert von persönlichen Einschüben der anderen. Insofern liefert Nakashima hier keinen exklusiven Blick auf das jeweilige Erleben der einzelnen Akteure, wie es Kurosawa Akira etwa in seinem episodischen Referenzwerk RASHOMON tat. GESTÄNDNISSE wird nach der ersten halben Stunde mehr und mehr zur erzählerischen Melange, die ihren grotesken Auswüchsen mit jeder Episode eine neue subjektive Ebene hinzufügt, ohne dass die jeweils anderen damit abgeschlossen wären. Nicht bloß der Innenblick auf die einzelnen Charaktere und ihre Rolle in dem perfiden Spiel stehen also im Vordergrund, sondern auch das Perfide an sich.

Gerade in seinem multiperspektivischen Zugang liegt zugleich die größte Stärke des Films. Sein Talent im verweben von Zeitebenen und Betrachterstandpunkten hat Nakashima bereits in seinem tragischen Pop-Märchen MEMORIES OF MATSUKO bewiesen. In GESTÄNDNISSE gelingen ihm damit einige überaus spannende Überlegungen zur Schieflage von Jugend und Familie. Zwar verdichtet, überspitzt und choreographiert er deutlich. Doch seine Ausgangspunkte sind zumeist alltägliche Probleme; deren  psychischen Folgen dabei, zumindest im Ansatz, durchaus glaubhaft. Jeder der Beteiligten bekommt die Gelegenheit seine Sicht der Dinge zu schildern. Das beleuchtet die Hintergründe, aber das bedeutet auch ein akribisches und selten schmerzfreies Aufarbeiten aller wechselseitigen Qualen und Boshaftigkeiten vor laufender Kamera, unter denen die Rache Moriguchis nur den Gipfel darstellt.

Zwischen diesen Polen – der psychologischen Erdung seiner Figuren und der ausweglosen Eskalation – gelingt Nakashima ein dauerhafter Thrill, dessen Schocks visuell sparsam eingesetzt, dafür aber menschlich umso tragischer sind.

Kokuhaku, Nakashima Tetsuya, Japan 2010, 106 min.

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