Memories of Matsuko

Memories of MatsukoReizüberflutung auf allen Kanälen – eine quietschbunte Jahrmarktsburleske, die alle Sinne zu jeder Zeit stimuliert: Pop und Kitsch, Märchen und Musical in einem. Das ist nicht nur beim Einstieg erdrückend, sondern auch auf die Laufzeit von rund 130 Minuten eine Bewährungsprobe für die eigene Gelassenheit.

Eine Gratwanderung – auch, weil Nakashima Tetsuya (GESTÄNDNISSE) hinter der bunten Fassade eine zutiefst tragische Geschichte versteckt. Detailliert zeigt er die immerwährenden Grausamkeiten an Körper und Seele Matsukos (Nakatani Miki, RING). Mit ihrem gewaltsamen Tod beginnt MEMORIES OF MATSUKO.

Eine verschrobene Einsiedlerin ist aus dem einst aufgeweckten Mädchen geworden; ihre Wohnung ein einziges Chaos. Das soll ihr Neffe Kawajiri Shô (Eita, ICHIMEI) beseitigen, der erst nach ihrem Tod von seiner Tante erfährt. Stück für Stück ergründet er ihr Leben und knüpft dabei einen biographischen Flickenteppich, der sich frei durch Zeitebenen und Betrachterperspektiven bewegt.

Aufgewachsen ist Matsuko in konservativem Hause, wo die schwerkranke Schwester schon immer im Mittelpunkt stand. Im Streben um die Aufmerksamkeit ihres Vaters beginnt Matsukos Tragödie. Sie entwickelt Mechanismen, mit der Einsamkeit umzugehen – Mechanismen, die ihr später immer wieder im Weg stehen sollen und sie von einem Unglück ins nächste zu treiben. Der Wunsch danach ihrer Einsamkeit zu entrinnen verwächst immer stärker zu einem Trieb von selbstzerstörerischem Ausmaß. „Schon gut“, sagt Matsuko einmal zu sich selbst und quält sich ein Lächeln aus dem geschundenen Gesicht, „auch wenn ich geschlagen werde… Alles ist besser, als alleine zu sein.“

Nakashimas Einfallsreichtum und die formale Vielfalt von MEMORIES OF MATSUKO sind bestechend – keine Frage. Unproblematisch ist das aber nicht. Denn ohne Reibungsverluste kommen weder Form noch Inhalt aus, in diesem Wechselspiel von exzentrischer Inszenierung und existenziellem Drama.

Nakashima überhebt sich an dem Versuch den permanenten Höhepunkt liefern zu wollen. Ruhephasen gibt es deutlich zu wenige, so dass es kaum möglich ist, den Blick auf Details zu wenden. Einmal, kurz vor ihrem Tod, sitzt Matsuko sichtlich angeschlagen im Wartebereich eines Krankenhauses. Es ist ein einsamer Moment und einer der wenigen, denen der Regisseur den notwendigen Raum zugesteht, sich leise zu entwickeln: Matsuko tappst mit den Füßen auf den Boden. Schwach, aber dennoch deutlich, kommt Goldglitzer unter ihren Füßen hervor, so wie in ihren Träumen als Kind. Für diesen kurzen Augenblick ist sie noch einmal das unbescholtene Mädchen von damals. Dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie stirbt, wissen die Zuschauer bis dahin schon lange. Eine großartige Szene, wie sie nur im Kino möglich ist und so intensiv, wie man sie nur selten zu sehen bekommt. Solch feine Nuancen versinken inmitten der überbordenden Inszenierung aber leider zu oft in der vermeintlichen Belanglosigkeit, weil man sie schlicht übersieht; ja übersehen muss.

Ähnlich die Handlung: Auch hier fehlt eine ausgewogene Gewichtung. Obwohl Nakashima einige hinreißende Szenen liefert, in denen er tief in Matsukos Wesen vordringt, scheint es bisweilen so, als sei er weniger an der Essenz seiner Hauptfigur interessiert, als an der Projektionsfläche die sie ihm für die Umsetzung immer neuer Ideen liefert.

MEMORIES OF MATSUKO ist ein kreatives und einzigartiges Filmexperiment und alleine deshalb sehenswert. Dennoch leidet der Film sehr an der fehlenden Bereitschaft zum Verzicht. Das ist schade, denn der launigen Inszenierung eine derart bittere, schonungslose Geschichte gegenüberzustellen ist im Grunde ein grandioser Kunstgriff. Zum einen, weil dadurch ein aufregender, struktureller Kontrast entsteht; zum anderen, weil Matsukos menschlich kaum zu ertragender Leidensweg filmisch ein Stückweit „genießbar“ wird. Eine durch und durch fragile Kombination – zu fragil, um die Last zu tragen, die Nakashima ihr aufbürdet.

Kiraware Matsuko no isshô, Nakashima Tetsuya, Japan 2006, 130 min.

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2 Gedanken zu “Memories of Matsuko

  1. A propos Berlinale:
    Ich habe gerade gelesen, dass dieses Jahr in Japan ein Event namens „Berlinale in Sendai“ veranstaltet wird. Gezeigt werden Unterhaltungsfilme und Filme über „einen positiven Umgang mit problematischen Lebenssituationen“ (Pressemitteilung Berlinale). Klingt leider ein bisschen belehrend.

    • Hab mich gerade mal ein wenig schlau gemacht. Zu „Berlinale in Sendai“ gibt es auch eine eigene Website. Klingt auf jeden Fall interessant. Ich weiß noch nicht, ob es zum Blog passt, da wir hier hauptsächlich auf Veranstaltungen in Deutschland hinweisen wollen, aber über Facebook werde ich den Link die Tage mal posten.

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