Tokyo Twilight

Tokyo TwilightOzu Yasujiro ist bekannt für die inszenatorische Gleichartigkeit seiner Filme – Themen, Erzählmuster, Perspektiven, Motive und Darsteller weisen große Ähnlichkeiten zueinander auf und lassen dem Zuschauer Raum zum Beobachten von Nuancen und Details. Ein immerwiederkehrendes Thema findet Ozu in der Betrachtung familiärer Konflikte. Zwischen Alltäglichem und den großen Problemen zeigt er Familien im Aufbruch, irgendwo zwischen Tradition und Emanzipation.

So auch inTOKYO TWILIGHT, einem ungewöhnlich pessimistischen Werk Ozus, in dem die Wunden und Brüche tiefer sitzen und intensiver nach außen treten, als von ihm gewohnt. Auch in der Szenerie wird das deutlich: Es ist Winter, vieles spielt sich bei Nacht ab und ein für Ozu zentraler Handlungsort – das Heim der Familie – ist hier zumeist ein Ort von Streit und Verzweiflung. Immer wieder werden hier die Probleme der Familienmitglieder angesprochen – gelöst werden sie nie.

Besonders deutlich wird das bei der jüngeren Tochter Akiko, die durch eine perspektivlose Liaison schwanger wurde und die verzweifelten Kontakt zum Vater des Kindes sucht. Als der sie wiederholt abweist, lässt sie das Kind abtreiben – ein Schritt, der umso drastischer wirkt, weil Ozus nüchterne Betrachtung hier dokumentarisch distanziert wirkt. Erst in der unmittelbar folgenden Szene bricht der Schmerz aus Akiko heraus, als sie ihrer kleinen Nichte im Hausflur begegnet.

Akiko (Arima Ineko, BARFUSS DURCH DIE HÖLLE) und ihre ältere Schwester Takako (Hara Setsuko, DER IDIOT) wurden von ihrem Vater (Ryû Chishû, DIE REISE NACH TOKIOI) aufgezogen, nachdem die Mutter Kisako (Yamada Isuzu, DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD) die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Akiko war damals noch so jung, dass sie sich nicht mehr an ihre Mutter erinnern kann. Mittlerweile ist diese nach Tokio zurückgekehrt und betreibt dort mit ihrem neuen Mann eine Mahjong-Halle, wo sie schon bald auf ihre Töchter trifft.

Mit beinah naiver Freude empfängt Kisako dort ihre Töchter, zunächst Akiko, die sie aber nicht als ihre Mutter erkennt. Immer wieder sehen wir die selben Einstellungen der Mahjong-Halle: Der schmale Treppenaufgang, die Spieler an den Tischen, die sich wild unterhalten und dabei konzentirert auf die Spielsteine blicken, daneben Kisako und ihr Mann, die auf einem kleinen Verschlag sitzen und auf Bestellungen ihrer Gäste warten. Allmählich werden wir vertraut mit der Szenerie, das Leben in dem kleinen Raum wird uns selbstverständlich. Dann eine tiefe Zäsur: Kisako, die ältere Schwester, wird auf die Mahjong-Halle aufmerksam. Dort sucht sie ihre Mutter auf und verlangt von ihr, der jüngeren Schwester Akiko nicht zu verraten, dass sie ihre Mutter ist. Das naive Lächeln Kisakos verblüht. Zurück bleibt ein sorgenvoller, nachdenklicher und schmerzerfüllter Blick – eine ungeheure emotionale Tiefe, erzeugt mit Gesten und Augenblicken. Eine besondere Stärke von Ozu: Inmitten aller oberflächlichen Gleichartigkeit schafft er mit seinen ruhigen, sich langsam entwickelnden Geschichten eine intensive menschliche Tiefe und dringt damit stärker zum Wesen seiner Figuren hervor, als es kaum einem anderen Filmemacher gelungen ist.

Tôkyô Boshoku, Ozu Yasujiro, Japan 1957, 140 min.

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