Minbo – Die Kunst der Erpressung

Minbo DVD CoverEine Gruppe Yakuza erwartet ihr Opfer, schlägt es zusammen, fügt ihm schwere Schnittverletzungen im Gesicht zu – die traurige Geschichte nach dem Film. Sie wurde fast populärer, als Itami Jûzôs (TAMPOPO) satirische Abrechnung mit der Yakuza selbst. MINBO – DIE KUNST DER ERPRESSUNG haben ihm die Mobster der Goto-gumi-Gang nicht verziehen und sich auf unmenschliche Art an ihm gerächt. Anlass dafür war das Bild, das MINBO von den Mitgliedern der japanischen Unterwelt zeichnet.

Immer wieder erfahren Yakuza in Filmen eine kritische Aufarbeitung ihrer Sitten und Gebräuche, kratzt das cineastische Ebenbild der Gangs am Ehrgefühl der Gangster und zieht sie nicht selten sogar ins Lächerliche. Nihilismus (OUTRAGE), Ausstiegsträume (ONIBI) und Veralberung (POSTMAN BLUES) lassen sich die Yakuza gefallen. Warum also ließen sie sich ausgerechnet nach MINBO dazu hinreißen, ihre hässliche Fratze öffentlich zu offenbaren, indem sie den Regisseur so skrupellos angegriffen?

Schon in den frühen Jahren der Presse war die Karikatur ein gewichtiges und effektives Instrument des Kampfes gegen die Missstände einer Gesellschaft. Itami Jûzô hat dieses Prinzip auf die Leinwand übertragen und ein beißend-sozialkritisches Werk in ein spielerisches und humorvolles Gangsterkabaret verwandelt, das streckenweise gerademal so weit vom Slapstick entfernt bleibt, dass seine Ernsthaftigkeit Bestand hat. Vielleicht wurde ihm das zum Verhängnis.

MINBO drückt den Finger tief in die Wunde. Und mehr noch. Hier wird die Yakuza nicht bloß recht nachteilig portraitiert, nein – MINBO legt vielmehr das System Yakuza offen, indem es eine alltägliche Standardsituation als Ausgangspunkt wählt: Yakuzaschergen breiten sich in einem Hotel aus, erledigen ihre Geschäfte in der Lobby und entfernen sich auch nicht nach ausdrücklichen Bitten der Hoteldirektion.

Was dann folgt ist eine Kampfanleitung. Eine Kriegserklärung. Es ist ein Aufbegehren, von unten herauf, gegen das System von Einschüchterung, Erpressung und trickreich gestellten Fallen; ein Aufbegehren gegen die Angst und damit ein Aufruf zur Zivilcourage. Dass das gefährlich ist, verheimlicht MINBO nicht, im Gegenteil. MINBO ist keine leichte Komödie, denn so drastisch sich der Film entwickelt, so wenig ermöglicht er es, die Augen zu verschließen und das obwohl die heitere Inszenierung oberflächlich etwas anderes vermuten lassen könnte.

Als das Hotel die Expertin Inoue Mahiru (Itumi Jûzôs Ehefrau Miyamoto Nobuko) zu Rate zieht, müssen die Beteiligten Farbe bekennen. Jeder Sieg zieht eine neue Schlacht nach sich und jede Schlacht erfordert ihre Opfer, denn so einfach lassen sich die Yakuza nicht vertreiben. Turbulent und kurzweilig gelingt es Itami, die immer wiederkehrende Konfrontation auch erzählerisch stetig zu steigern. Geschickt setzt er dazu die Musik Honda Woshiyukis ein – phänomenal gleich zu Beginn die verzerrte Jazz-Ouvertüre, mit der zum Vorspann das hierarchisch durchkomponierte Gebaren der Clans präsentiert wird.

Überzeugend beben auch dann noch die Lippen der Hotelmitarbeiter vor Angst, wenn sie sich längst zur Standhaftigkeit gegen die unerwünschten Schreihälse der Yakuza entschlossen haben.

Die Mobster indes – sie sind eitel, herrisch und von archaischem Auftreten, besonders, wenn sie bei jeder noch so leise aufkeimenden Kritik mit orchestralem, mehrtönigem Geschrei Drohgebärden und Überlegenheit demonstrieren. Dann aber ist da doch die berechenbare Verlegenheit gegenüber dem durchdachten Verhandlungsgeschickes Inoues. Eine nicht immer leichte Gratwanderung, die aber, wie sich herausstellt, durchaus auch bei unerfahrenen Kontrahenten, wie dem zunächst stark eingeschüchterten Hotelpersonal, Wirkung zeigt. Kurz: Bei aller äußerlichen Stärke der Gangster serviert MINBO ein stichhaltiges Handlungskonzept gegen sie und überführt die Yakuza als berechenbare Kleingeister, gegen die bereits ein entschlossenes Auftreten große Wirkung entfalten kann.

Durch seinen ungewöhnlichen Zugang sowie die humorvolle und doch ernste Auseinandersetzung mit dem Thema Yakuza, gelingt Itami ein beschwingter und aufregender Beitrag zum Genre und einer der vielleicht besten Yakuza-Filme überhaupt.

Minbo no onna, Itami Jûzô, Japan 1992, 120 min.

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