The Frivolous (Fujioka Toshimichi)

PlakatDrei Millionen Yen müssen Kandidaten bezahlen, um sich zur Gouverneurswahl in Osaka aufstellen zu lassen, das sind rund 30.000 US-Dollar. Zurück bekommen sie dieses Geld nicht, auch dann nicht, wenn sie die Wahl verlieren. Trotzdem fanden sich 2011 gleich mehrere Kandidaten, die sich neben den Vertretern der etablierten Parteien zur Wahl stellten. „Bubble Candidates“ nennt man sie in Japan, weil sie in Erscheinung treten und wieder verschwinden, wie Seifenblasen. Diesen Kandidaten, die von vorneherein keinerlei Aussichten auf einen Wahlerfolg hatten, widmen sich Regisseur Fujioka Toshimichi sowie Kameramann und Produzent Kinouchi Tetsuya mit ihrem herausragenden Dokumentarfilm THE FRIVOLOUS.

Lediglich vorverdaut habe er die Ereignisse, um sie dem Publikum so zu zeigen, wie er sie selbst erlebt habe, erklärte Fujioka bei der internationalen Premiere von THE FRIVOLOUS bei der Nippon Connection in Frankfurt. Die Szenen und vor allem auch die erstaunlichen Charakterköpfe um die sich der Film dreht seien aber absolut real. Eine Erklärung, die Not tat, denn was da rund 100 Minuten lang auf der Leinwand zu sehen war, schien bisweilen schier unglaublich. Aber von vorne –

Frivolous Q and A

Regisseur Fujioka Toshimichi (rechts) mit Kameramann und Produzent Kinouchi Tetsuya bei der Nippon Connection in Frankfurt. Foto: Sascha Schmidt

„Offen gesagt, die meisten die dieses Video sehen, sind meine Feinde.“ Es ist eine Kampfansage, die Kouichi Toyama mit wütendem Blick in die Kamera schreit. Als Faschist wird er vorgestellt, zufrieden sei er mit seinem provokanten Wahlwerbespot gewesen, bestätigt er später. Explizit richtet er sich an eine Minderheit, die er dazu aufruft, die Nation zu vernichten. Zur offiziellen Aufstellung erscheint Kouichi nicht. „Wahlen verändern nichts“, sagt er.

Zu den verbleibenden Kandidaten gehören auch die Etablierten, deren routinierte Auftritte vor großem Publikum stattfinden und einer gekonnten politischen Dramaturgie folgen. Einer der anderen ist ein älterer Herr. Auf welche Art er seinen Wahlkampf betreiben wolle? Durch direkte Ansprache, potentielle Wählerinnen und Wähler begrüßen. Und tatsächlich scheint es da nichts anderes zu geben. Auf einer großen Kreuzung begrüßt er Menschen, die in ihrer Hektik an ihm vorbeilaufen. „Guten Tag, schön Sie zu sehen. Ich wünsche einen angenehmen Tag.“ Sonst nichts. Auch wenn er keine Aussicht auf den Wahlsieg habe, sagt er – wenn man es nicht versucht, wird sich nichts ändern. Ein anderer Kandidat scheint jegliche Öffentlichkeit zu scheuen, wieder ein anderer inszeniert sich martialisch in Samurairüstung und einem Maschinengewehr in den Händen.

Aus dieser bunten Truppe herauszustechen ist nicht ganz einfach. Einem aber gelingt das ohne Mühe: Mac Akasaka, Unternehmer und Gouverneurskandidat seiner Smile-Partei. Sein Wahlprogramm: Ein Lächeln nach Osaka zu bringen, und zwar mit Hilfe seiner dreistufigen Smile-Therapie – Minus zu plus, negativ zu positiv – Smile! Das klingt nett und ein wenig absurd, lässt aber kaum erahnen, wie sehr Mac Akasaka seine Rolle als Paradiesvogel im Wahlkampf auf die Spitze treibt.

Wer sich zur Wahl stellt, so sagt es das Gesetz, der darf auch überall Wahlkampf betreiben. Für Akasaka das wichtigste Instrument seiner Kampagne. In rosa Steppjacke, mit flauschigen Ohrwärmern oder in enger Unterwäsche – kein Outfit ist Akasaka zu grell für seine Auftritte. Meistens erscheint er in seiner großzügigen Limousine mit unterbezahltem Fahrer, dreht seine Boxen auf und führt verrückte Tanzchoreografien auf. Oft tanzt er ins Leere – auf der Straße, in der U-Bahn, vor Studentenparties. Wenn sich ein kleines Publikum einfindet, erntet er bloß ungläubige Blicke. Seine größte Bühne aber ist die der anderen, denn Mac schreckt auch nicht davor zurück die Wahlveranstaltung der Spitzenkandidaten zu stören. Aus dem Dachfenster seiner Limousine heraus, versucht er sich mit einem Lautsprecher Gehör zu verschaffen, während sein Fahrer im Clinch mit den Besuchern liegt. Überall dürfe der Kandidat seinen Wahlkampf betreiben, also auch hier. Wer das nicht akzeptiere beschneide ihn in seinen Rechten. Hier wie dort wird er als Fremdkörper, als Störenfried verstanden. Ständig rechtfertigt er sich, prangert die Beschwerden gegen ihn an, weist seine Kritiker zurecht. Nutzen verschafft ihm das nicht. Am Ende wird er letzter bei der Wahl, selbst diejenigen, die sich de facto dem Wahlkampf entziehen, liegen vor ihm.

NC14_visions_the frivolous_06

Einer von Mac Akasakas eigensinnigen Auftritten vor seiner weißen Limousine.

Mit großem Geschick verfolgen Fujioka und Kinouchi die einzelnen Etappen der Wahl. Sie zeigen kontroverse öffentliche Auftritte, die sie mit viel Humor durch suggestivem Schnitt kommentieren und ergründen dabei zugleich die persönliche Motivation der Kandidaten in umfassenden Hintergrundgesprächen. Immer wieder ergänzen Schrifttafeln wichtige Zusammenhänge, die gerade einem internationalen Publikum auch den notwendigen Rahmen liefern, um das Gesehene einordnen zu können.

Weder tiefere Kenntnisse der japanischen Politik sind notwendig, um THE FRIVOLOUS genießen zu können, noch ein politisches Interesse allgemein. Zwar spielen Wahlsystem und klassische, machtpolitische Entwicklungen eine große Rolle im Film. Doch zuvorderst ist THE FRIVOLOUS eine mitreißende Charakterstudie die in ihrem permanenten Spannungsverhältnis von Aktion und Reaktion außerordentliche Menschen portraitiert und dabei tiefe Einblicke in die japanische Gesellschaft gewährt. Gerade Mac Akasaka wird dabei nicht nur als Sonderling gezeigt, sondern auch als dramatische Persönlichkeit, die wie durch einen inneren Zwang getrieben immer wieder einer omnipräsenten Konfrontation mit ihrer Umgebung verfällt – ein außergewöhnlicher Film und einer der Höhepunkte der Nippon Connection 2014.

Und Mac – was hält der eigentlich vom fertigen Film? Fujioka lacht: „Er hat mich schon gefragt, wann wir einen zweiten Teil drehen.“

Eiga Rikkoho, Fujioka Toshimichi, Japan 2013, 100 min.

Advertisements

2 Gedanken zu “The Frivolous (Fujioka Toshimichi)

  1. Pingback: Nippon Connection – Videobericht | OKAERI

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (16-06-14) – Doppelausgabe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s