Death By Hanging

Death By HangingFür den Mord an zwei Mädchen soll der junge Koreaner R erhängt werden, doch auch nach 15 Minuten am Strick hört sein Herz nicht auf zu schlagen. R überlebt, verliert aber sein Gedächtnis und damit auch die Erinnerung an seine Taten. Ohne dies kann das Urteil jedoch nicht noch einmal vollstreckt werden. R muss wieder zu R werden, bevor die Offiziellen zur Tat schreiten können – unter ihnen Vertreter von Justiz und Polizei, aus Bildung, Religion und der bürgerlichen Mittelschicht allgemein.

Die Begebenheit, die wir im Todestrakt miterleben, überhaupt die ganze Geschichte, ist natürlich eingebettet in ihren spezifischen, japanischen Kontext. Doch das was Oshima Nagisa (DAS GRAB DER SONNE) anklagt hat einen universellen Charakter. Er zeigt die Mehrheitsgesellschaft und die Vorurteile, die sie gegen ihre Minderheiten hegt. Und mehr noch, unmissverständlich weist er auf zwei Dinge hin, die für ihn zwangsläufig daraus entstehen: 1. Stigmatisierung führt zur Kriminalisierung. Und 2.: Übermächtige Stereotype pflanzen Trugbilder in die Köpfe derer, die bereit sind, sich ihrer unreflektiert zu bedienen.

Die soziokulturellen Strukturmerkmale einer ethnischen Minderheit treffen in DEATH BY HANGING auf eben diese ungefilterten Trugbilder des Establishments: Armut und die soziale Randlage der Koreaner scheinen im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft auch einherzugehen mit Alkoholismus, Gewaltbereitschaft und einem lieblosen Familienleben. So jedenfalls suggeriert es das absurde Bühnenstück, das die uniformierten Beamten dem stets kühl distanzierten R im Todestrakt vorführen, um seine Erinnerung wieder zu wecken. Weil der sich aber nicht erinnert, verfällt ihr Spiel immer groteskeren Zügen. Mit seiner naiven und unwillkürlich scheinenden Vernunft führt R seinen Anklägern dabei immer wieder die eigene Absurdität vor Augen. So entfaltet DEATH BY HANGING einen durchgängigen, subtilen und schwarzen Humor, der den Film als bitter-ironische, bissige Satire erscheinen lässt.

Bis ins Kleinste rekonstruieren die Offiziellen die vermutete Ausgangssituation, den psychologischen Verlauf, bis hin zu den Morden. Armut, Familienprobleme und ethnische Stigmatisierung treten dabei offen zu Tage. Die vielen Augen des Systems treiben ihn schließlich durch die Gesellschaft, lassen ihn sich an die Orte seiner Taten erinnern, drängen ihn zur Wiederholung. Ein Höhepunkt dieses Handelns treibt die Gruppe auf ein Dach, R ein Messer in der Tasche. Zunehmend verfällt er in einen hypnotischen Zustand, zückt ein Messer und bedroht damit ein Mädchen auf das die Gruppe trifft. In glühender Erwartung springen seine Begleiter um ihn herum. Der ersehnte Beweis scheint zum Greifen nah und für ihn würden die Repräsentanten des Systems bis zum Äußersten gehen.

Zunehmend beginnt bei ihnen aber auch ein Prozess der Reflektion: Reihum verfallen die Honoratioren ihren Leiden, schrecklichen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit, die verdeutlichen, dass auch sie nicht frei von Sünde sind. Doch haben sie eben dies: Ihren festen Platz in der Gesellschaft, ihr Einkommen, ihren Stand. R hat nichts als seine Fantasie. Keine schönen Kleider, kein gutes Essen, keine Frau. In seiner Fantasie liegt ihm die Welt offen. Doch sie macht nicht glücklich, vielmehr zerrüttet sie seinen Verstand.

Ist es also so, wie Rs Schwester es den Offiziellen vorwirft? Der japanische Imperialismus sei Schuld an Rs Verbrechen. Seine eigenen Kinder fange er auf, doch die Vergessenen fänden keinen Halt im japanischen Staat. Das klagt Oshima an: Die Strukturen sind bekannt, die Stereotype verfestigt. Hilfe gibt es nicht, nur ein hervorstechendes Bewusstsein der Sachlage, das es einfach macht, die Tat zu rekonstruieren und die Schuld nach unten abzutreten. In rohem Revanchismus liegt für Oshima aber nicht die Lösung. Weil der japanische Imperialismus Rs Taten hervorgerufen habe, habe Japan auch nicht das Recht ihn zu bestrafen, argumentiert seine Schwester. Unzählige Koreaner seien Japan zum Opfer gefallen, der einzige Weg dies zu vergelten seien Morde, wie sie R begangen hat. Der aber interveniert: „Wenn R so ist, wie du ihn beschreibst, dann bin ich ganz und gar nicht R.“

Häufig wird Oshimas Inszenierung von DEATH BY HANGING mit den Stilmitteln des Brecht’schen Theaters beschrieben. Mit seiner kritisch-distanzierten Erzählweise, die auch gerade in ihrer Form das Publikum herausfordert, folgt der Film dem zeitgenössischen Paradigma vom politischen Filmemachen. Radikal ist sein Aufschrei gegen die imaginierte moralische Vormacht der Mehrheit gegenüber ihren Minderheiten und damit heute aktueller denn je.

Kôshikei, Oshima Nagisa, Japan 1968, 117 min.

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