100 Yen Love

100_Yen_Love_poster100 YEN LOVE erzählt eine Coming-of-Age-Story, als es dafür eigentlich schon viel zu spät ist. Denn ihrer Adoleszenz ist Ichiko (Ando Sakura) längst entwachsen. Das hindert die ebenso ziel- wie bocklose Mitt-Dreißigerin jedoch nicht daran, von morgens bis abends an der Konsole zu sitzen und ansonsten allenfalls mal recht geistesabwesend im Bento-Laden ihrer Eltern auszuhelfen. Als ihre Schwester sich scheiden lässt und wieder zu Hause einzieht, eskaliert der Streit des Geschwisterpaares schon bald. So kann es nicht weitergehen, entscheidet die Mutter – Ichiko muss gehen. Zum ersten Mal steht sie auf eigenen Beinen. Fortan wird ihr Leben bestimmt vom neuen Job im 100 Yen Laden, von aufdringlichen Kollegen und von ‚Bananaman‘, der im Laden nichts anderes kauft, als bündelweise Bananen. Zugleich trainiert er in einem Boxclub und weist Ichiko damit unbewusst einen Weg auf ihrer aufkeimenden Suche nach Orientierung im Leben: Auch die junge Frau will boxen, will im Ring stehen, gewinnen und respektvolle Gesten mit ihren Gegnern austauschen. Sie beginnt mit dem Training und schon bald verändert sich ihr Leben komplett.

Ando Sakura, Drehbuchautor Adachi Shin, Festivalleiterin Marion Klomfass und Regisseur Take Masahura (von links) bei der Deutschlandpremiere von 100 YEN LOVE auf der Nippon Connection.

Vor allem im letzten Drittel des Films steht das Boxen im Mittelpunkt, ein aufreibender und wunderbar inszeniertet Ringkampf inklusive. Doch ein Sportfilm ist 100 YEN LOVE deshalb nicht. Schon der Titel deutet auf einen anderen Schwerpunkt hin: 100 YEN LOVE – das ist einmal: Ichikos erster eigener Job in einem Laden, in dem jeder Artikel genau 100 Yen kostet und indem immerzu der erdrückend fröhliche 100-Yen-Song läuft, um die billigen Waren zu bewerben. Und dann: die Beziehung zu Bananaman, die von Anfang an irgendwie seltsam ist. Eigentlich erscheint das alles ganz gruselig, doch dann wiederum ist da plötzlich so viel Stringenz, so viel Perspektive, dass es für die bislang völlig verwahrloste Ichiko zum Aufbruch reicht und dass sie in einem Umfeld voller Apathie und Antipathie doch irgendwie zufrieden ist.

PrintWas folgt war ein Kraftakt – vor aber auch hinter den Kulissen. Drei Monate hatte Ando Sakura Zeit, um sich auf ihre Rolle vorzubereiten. Am Ende blieben ihr exakt zehn Tage während des Drehs, um ihren Körper von der regungslosen Stubenhockerin in die athletische Kämpferin zu verwandeln. Gerade diese körperliche Veränderung, die sie vollziehen musste, reizte sie an der Rolle, als sie das Drehbuch zu 100 YEN LOVE las, verriet die Schauspielerin anlässlich der Deutschlandpremiere auf der Nippon Connection in Frankfurt. Schon als Teenager sammelte sie Erfahrungen im Boxen, kehrte dem Sport aber bald den Rücken und vergaß die Lektionen um Schwinger, Clinch und Haken. Kaum zu glauben, sieht man die beim Dreh 28-Jährige mit erhobener Deckung über die Leinwand schweben, während ihre Schläge durch hartes Training immer besser, knackiger und rasanter werden.

Tatsächlich ist 100 YEN LOVE viel mehr tragikomisches Coming-of-Age als Boxerfilm. So erklärte Regisseur Take Masahura bei der Nippon Connection auch, dass es bei Ichikos Kampf vielmehr um den Kampf der jungen Frau mit sich selbst gehe, als um den Kampf mit ihrer Gegnerin. Mit 100 YEN LOVE ist es ihm gelungen, einen herzlichen, witzigen, tragischen und nicht zuletzt auch actionreichen Film zu realisieren, der sich seiner eigensinnigen Protagonistin respektvoll und sensibel nähert und sie dabei doch vor kaum etwas verschont. Mit tobendem Applaus wurden Ando Sakura, Regisseur Take und Drehbuchautor Adachi Shin in Frankfurt dafür bedacht – zurecht!

Hyakuen no koi, Take Masahura, Japan 2014, 113 min.

Mehr erfahren: 
Sakura Ando im Okaeri-Interview
Nippon Connection auf Okaeri
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