Creepy

Creepy PosterMan muss sich nicht erst allzusehr in das Werk Kiyoshi Kurosawas (PULSE) vertiefen, um feststellen, dass er kein Mann für leichte Stoffe ist. Häufig sind seine Filme, nun ja… creepy – gruselig also, und unheimlich. Dabei setzt der 60-Jährige selten auf spekulative Schockmomente sondern vielmehr auf eine behutsame atmosphärische Verdichtung. Eine Atmosphäre des Unbehagens wohlgemerkt! So kann der Titel seines neuesten Films durchaus selbstreferentiell verstanden werden – ironisch gemeint ist er nicht. Denn CREEPY ist creepy.

Es ist eine übersichtliche Klassifikation, die Takakura seinen Studenten liefert: Drei Typen von Psychopathen gebe es –  die geordneten, die ungeordneten und die Mischform aus beidem. Bei den ersten beiden sei der Fall klar: Die Ermittler hätten ihr Handwerkszeug, die Aufklärungsquote sei hoch. Anders bei der dritten Form. Der gemischte Typ stelle Ermittler vor ein Problem, denn er sei unberechenbar. Ein Jahr zuvor musste Takakura das selbst erleben, als er, damals noch als Detective im Polizeidienst aktiv, den Mordversuch eines Psychopathen nur knapp überstand.

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Filmstills via Nippon Connection

Neben dem neuen Job an der Universität soll ein Umzug den Neuanfang perfekt machen für Takakura und seine Frau Yasuko. Als ein ehemaliger Kollege mit einem ungelösten Fall an ihn herantritt, beginnt seine erste große Ermittlung seit der Genesung.

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Ganz allmählich webt Kiyoshi Kurosawa ein immer dichteres Netz des Grauens um seine Akteure. Oft subtil, dann wieder überdeutlich ist zu spüren, dass das vermeintliche Glück der jungen Familie nicht von langer Dauer sein wird. Immer wieder wiegt der Nippon Honor Award-Preisträger sein Publikum in Sicherheit, nur um kurz darauf mit einer Geste oder einem verheißungsvollen Windhauch dieses kleine Stück Sicherheit zu entziehen, das er zuvor gewährte. Auch wenn Kurosawa nie vor drastischen Szenen zurückgeschreckt hat, so liegt sein besoneres Talent gerade darin, mit den Mitteln des Kinos die emotionale Führung zu übernehmen: Anspannung und Entspannung, Vorahnung und Andeutung, wohldurchdachter Suspense und pulsierende Thrills. Obwohl die Genregrenzen in seinem Werk oft gedehnt werden, bezeichnet Kurosawa CREEPY, der auf dem gleichnamigen Roman von Yutaka Maekawa basiert, als seinen zweiten Psychothriller nach CURE.

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Der geniale Coup von CREEPY ist dabei die multiperspektivische Heranführung an das Innenleben eines Psychopathen: Das Profiling der Polizisten, das direkte Gespräch der Ermittler, aber auch die reflektierte akademische Betrachtung bieten konventionelle Erklärungsmuster. Demgegenüber stehen die spektakuläre Flucht eines Häftlings zu Beginn und die gebrochenen Erinnerungen eines jungen Mädchens, dessen Familie vor sechs Jahren spurlos verschwand und deren Vernehmung der Story eine beinah mythische Komponente verleiht. Doch das alles ist noch nichts im Vergleich zum finalen Drittel von CREEPY, in dem die sorgfältig aufgebaute Anspannung im Film wie für die Zuschauer gleichermaßen kulminiert und eindringlich unter Beweis stellt, welch drastische Ausmaße die Unberechenbarkeit eines Psychopathen tatsächlich anzunehmen vermag.

Kuripi: Itsuwari no rinjin, Kiyoshi Kurosawa, Japan 2016, 130 min.

Mehr erfahren:
Im Blick der Gorgone: Kiyoshi Kurosawa
Nippon Connection auf Okaeri

 

 

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