„Ein Kino der japanischen Kultur im Detail“: Mannheimer Filmseminar über Akira Kurosawa

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Ein Wochenende im Zeichen Akira Kurosawas: Beim 15. Filmseminar „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ im Mannheimer Cinema Quadrat drehte sich alles um den japanischen Ausnahme-Regisseur. Fünf Filme (plus zwei in Vor- und Nachschau), Betrachtungen aus Filmwissenschaft und -kritik, aus Psychoanalyse und Kunstgeschichte sowie mehrere rege Diskussionsrunden sorgten für spannende Perspektiven auf das Werk Kurosawas und boten wertvolle Anreize zur Vertiefung in sein Schaffen.

Globales Kino zwischen den Kulturen

1951 gewann Akira Kurosawa mit seinem Film RASHOMON den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig und setzte sein Heimatland Japan damit schlagartig auf die Karte des Weltkinos im Bewusstsein des westlichen Publikums. Noch heute gilt der Filmemacher selbst gemeinhin als der „westlichste“ der japanischen Regisseure. Den Ursprung dessen erklärte Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger im Eröffnungsvortrag des Mannheimer Filmseminars mit einem Umstand, den die meisten Kommentatoren dabei aber kaum vor Augen haben dürften: Gerade die heute selten zu sehenden, frühen Filme Kurosawas (z.B. EIN WUNDERSCHÖNER SONNTAG) nämlich seien es gewesen, die das japanische Publikum seinerzeit an westliche Produktionen erinnerten, was insbesondere mit der melodramatischen Inszenierung und dem westlichen Kleidungsstil der Darsteller zusammenhing.

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Trotzdem ist eine besondere Rolle Kurosawas unbestritten: So betonte Stiglegger, dass es von vornherein Kurosawas Anspruch gewesen sei, ein internationales Kino zu realisieren und mit seinen Werken zu einer globalen Filmkultur beizutragen, während er zugleich für ein „Kino der japanischen Kultur im Detail“ stand; Psychoanalytiker Christoph Walker bezeichnete den Filmemacher seinerseits als einen Grenzgänger zwischen den Kulturen.

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In seinen Filmen ging Kurosawa eine fruchtbare und intensive Wechselbeziehung zwischen Japan und dem Westen ein – in thematischer wie formaler und ästhetischer Hinsicht: Offenkundig etwa sind die literarischen Vorlagen von Shakespeare bis Dostojewski,  aber auch seine eigene Wirkung auf das amerikanische und europäische Kino, denen sich Peter Bär am Beispiel von YOJIMBO widmete, und die später in Freundschaft und Zusammenarbeit mit Filmemachern wie Stephen Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola ihre Höhepunkte fand, aber auch seine Beziehung zur westlichen Malerei. Noch bevor er sich dem Filmemachen zuwandte, studierte Kurosawa die westliche Kunst. Exemplarisch dafür steht seine Beziehung zu Vincent van Gogh, um den es auch in einer Episode seines Spätwerks AKIRA KUROSAWAS TRÄUME geht (dargestellt von Martin Scorsese).

kurosawa-seminar-4„Van Gogh war derjenige, bei dem sich Kurosawa sofort heimisch fühlte“, erklärte Dorothee Höfert – auch weil die Arbeit des Niederländers stark geprägt war vom japanischen Farbholzschnitt. Anhand eines Selbstportraits des Malers, das zu Beginn der Episode von TRÄUME zu sehen ist, verdeutlichte die Kunsthistorikerin eine interessante Parallele zur bildhaften Gestaltung Kurosawas: „Blau umspült den Kopf, aber das Bild erlaubt keine Angabe über die Architektur“, sagte sie. „Die Farbe ist raumhaltig, mit energetischem Pinselstrich. Es gibt keinen Raum, dafür aber einen spürbaren Energieraum.“ Auch in Kurosawas Filmen ist dies ein häufiger Effekt, der sich durch den kunstvollen Gebrauch von Nebel, Staub und Rauch durch sein filmisches Schaffen zieht. Auch er erschafft Energieräume, die den realen Raum im Film bedecken und ausgewählte Motive dadurch verstärken.

Lebendige Leinwand

Bezeichnend für Kurosawas Genie ist sein Talent seine Geschichten filmisch zu erzählen. Die Erschaffung von eben solchen Energieräumen ist dabei nur eine der zahlreichen Stilmittel, die für seinen spezifische Handschrift stehen. Andere sind etwa sein charakteristisches Spiel mit der Raumtiefe, die häufige Rahmung des Geschehens als Bild im Bild oder auch die bildparallele Inszenierung der Handlung. So entstehen nicht nur aufregende Kompositionen sondern oft auch paralinguistische Codes, wie Sabine Wollnick beispielhaft für ENGEL DER VERLORENEN aufzeigte. Ebenfalls charakteristisch für Kurosawa, erklärte Marcus Stiglegger, sind Zeitraffung und Zeitlupe. Gerade für drastische Gewaltszenen verwendet er dieses Stilmittel bereits in den 1950er-Jahren, so wie es später in seinen Filmen etwa Sam Peckinpah tun sollte. „Kurosawas Filme sind extrem gewalttätig“, erklärte der Filmwissenschaftler. „Er ist kein Regisseur der sanften Inszenierung.“

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Obere Reihe: Sabine Wollnik, Ralf Zwiebel, Marcus Stiglegger, Dorothee Höfert. Untere Reihe: Christoph Walker, Peter Bär, Gerhard Schneider.

Der Vielstimmigkeit Gehör schenken

„Wenn du die Geschichte nicht verstehst, dann erzähle sie doch“, zitierte Ralf Zwiebel in seinen psychoanalytischen Betrachtungen den Vagabunden aus RASHOMON. „Weil wir unsere frühe Geschichte oft nicht verstehen, wiederholen wir sie zu unserem Leidwesen, gehen vielleicht in Psychoanalyse und versuchen sie besser zu verstehen, oder wir gehen vielleicht auch immer wieder ins Kino, lesen Romane, schauen uns Kunstwerke an, um an anderen Erzählungen und künstlerischen Gestaltungen, unsere eigene Geschichte besser zu verstehen.“

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Der psychoanalytische Zugang zum Film sei auch ein Zugang dazu, Filme in ihrer Vielstimmigkeit zu sehen, und nicht in Deutungswut aus einer Perspektive zu verharren. Schwierig dabei sei es, den anderen Erzählungen ein entsprechendes Gewicht zu verleihen, ohne die eigene Erzählung zu opfern.

„Ist nicht der ursprüngliche Schrei des Neugeborenen die echte, die unverfälschte Stimme, die aber im Laufe der Entwicklung oft zum Schweigen gebracht wird?“, fragte Zwiebel mit Bezug auf den Schrei des Babys am Ende von RASHOMON. „Das hoffnungsvolle Ende des Films verstehe ich als Hinweis, dass der Mensch sich seiner Wahrhaftigkeit immer wieder annähern kann, wenn er den verlorenen Kontakt zu dem kindlichen Schrei wieder entdecken kann. Die eigene Stimme entdecken, bedeutet dann also aus dieser Perspektive, dass in der inneren Vielstimmigkeit diese kindliche unverfälschte Stimme nicht verstummen darf.“

Auch im Kinosaal des Mannheimer Cinema Quadrats war an diesem Wochenende jene Vielstimmigkeit zu vernehmen, mit ihren interdisziplinären Ansätzen, Analysen und Deutungen zum Werk des großen japanischen Meisterregisseurs, mit der Freude am Dialog und am Diskurs und nicht selten auch an Provokation und dem Widerstreit verschiedener Standpunkte. Selbstverständlich kann man Filme intuitiv schauen, wie es jemand im Publikum einmal forderte. Doch an diesem Wochenende überwog die Freude am Ergründen und, mit Ralf Zwiebel, am Gewicht der anderen Stimmen neben der eigenen.

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Das Mannheimer Filmseminar „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ ist eine gemeinsame Veranstaltung von Cinema Quadrat, Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Mannheim-Heidelberg, Psychoanalytisches Institut Heidelberg der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und dem Heidelberger Institut für Tiefenpsychologie. Moderiert wurde es von Peter Bär und Gerhard Schneider, ein Sammelband zum Seminar ist in Arbeit.

Fotos: Sascha Schmidt

Mehr erfahren: Akira Kurosawa auf Okaeri
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