Nikkatsu Roman Porno: Im Gespräch mit Jasper Sharp

Als Ende der 60er Jahre der japanische Kinomarkt einbrach, setzte das traditionsreiche Filmstudio Nikkatsu auf Sex: 1971 wurde hier der Roman Porno geboren, der fast 20 Jahre lang mit hunderten Low-Budget-Produktionen, viel Erotik, aber auch hoher künstlerischer Freiheit den japanischen Filmmarkt prägte. Mit einer Retrospektive im Deutschen Filmmuseum widmete sich die Nippon Connection 2017 zwei wichtigen Filmemachern dieser Serie, Jasper Sharp von Midnight Eye und Autor von BEHIND THE PINK CURTAIN lieferte mit seinem Fachvortrag und Einführungen den inhaltlichen Rahmen. OKAERI hat sich mit ihm zum Interview getroffen – Teil 2 unseres Specials zum Nikkatsu Roman Porno.

Okaeri: Wenn man sich mit japanischem Kino beschäftigt, stößt man schnell auf den Roman Porno. Warum nehmen diese Filme eine so besondere Rolle ein?
Jasper Sharp: In den 50er- und 60er-Jahren  war die japanische Filmgeschichte von den großen Studios dominiert. Jedes hatte seine eigenen Markenzeichen, eigene Netzwerke, Kinos und richtete sich an ein unterschiedliches Publikum. Nikkatsu hielt sich für gewöhnlich an Jugendliche und junge Erwachsene, es gab z.B. die Borderless Action Filme, Gangster- und Jugendfilme, Musicals. Dann veränderte sich die japanische Filmindustrie, es gab das Fernsehen, Unternehmen gingen pleite. 1971 sagte man sich bei Nikkatsu: Was verkauft sich? Sex! Lasst uns also unseren gesamten Output auf Sexfilme zu verlegen. Dabei machten sie mit derselben Fließband-Mentalität weiter, wie zuvor. Wir reden über 60 bis 80 Filme pro Jahr über einen Zeitraum von 17 Jahren. Das war eine große Veränderung in der japanischen Filmkultur. Zu dieser Zeit ignorierten ausländische Kritiker, wie Donald Richie und andere, die sich mit japanischem Kino befassten, diese Filme, ebenso wie die internationalen Festivals, wo sie nicht gezeigt wurden. Eine snobistische Haltung, ganz nach der Art: ‚Wir hatten Mizoguchi, Kurosawa, Ozu, und jetzt kommen diese schlechten Sexfilme. So wollen wir unser japanisches Kino nicht.‘ So wurden diese Filme außerhalb Japans jahrelang übersehen. In Japan selbst gab es einen Schock über die neue sexuelle Revolution, die mit vielen Zensurauflagen befasst wurde. Einige der Filme waren aber auch von der Kritik beachtet, erschienen auf der Top-Ten-Liste von Kinema Junpo und fanden in dieser Zeit Anerkennung – darunter Werke der beiden Filmemacher, denen sich die Nippon Connection- Retrospektive widmet: Noboru Tanaka und mehr noch Tatsumi Kumashiro. Auch die Darstellerinnen wurden nicht bloß als nackte Körper betrachtet, sondern in gewissem Maße als Schauspielerinnen ernst genommen.

Das ist interessant. Nachdem Eiko Matsuda in Nagisa Ôshimas IM REICH DER SINNE mitspielte, hatte sie viele Probleme.
Eiko Matsuda drehte Hardcoreszenen, der Film an sich war sehr skandalös, weil er eine Seite Japans zeigte, die die japanischen Behörden nicht zeigen wollten. Ich verstehe IM REICH DER SINNE als einen Anti-Roman-Porno-Film, der ganz bewusst nicht versucht erotisch zu sein und der das Innere der Story nach außen kehrt. Roman Porno hielt sich an die Regeln, die Behörden mochten es gerade zu Beginn dennoch nicht. Aber auch andere Filmstudios, wie Tohei, zeigten mehr Nacktszenen. Sie drehten Filme wie GIRL GANG BOSS oder FEMALE CONVICT SCORPION, deren Stil sich sehr von den Nikkatsu-Filmen unterschied. In meinen Augen liegt der Fokus, besonders in den frühen Nikkatsu Filmen, nicht unbedingt auf Sex. Was aus heutiger Sicht bei diesen Filmen auffällt ist, dass sie sehr female-centric sind. Es geht nicht um die männlichen Helden, die Hauptcharaktere sind Frauen und die Geschichte wird durch ihre Augen gesehen. Mit anderen Worten ausgedrückt: Viele dieser Filme würden den Bechdel-Test bestehen – obwohl vielleicht doch nicht, weil sie ständig über Männer reden (lacht). Aber tatsächlich haben Frauen in diesen Filmen viele Dialoge.

Worin liegt aus deiner persönlichen Perspektive der Reiz der Filmserie?
Mein Interesse liegt nicht unbedingt auf den Filmen als erotische Werke. Wie gesagt – von der Kritik wurden die Filme lange ignoriert. Jeder der über japanisches Kino schreibt weiß, dass Roman Porno zwischen 1971 und 1988 einen großen Anteil daran hatte. Man kann das japanische Kino dieser Zeit nicht wirklich verstehen, wenn man die Roman Porno Produktionen nicht beachtet, aber ich denke, es gab einen Widerstand männlicher Kritiker, die Filme ernst zu nehmen, weil die Leute sich immer fragen, warum jemand über Sexfilme schreibt. Außerdem lohnt sich ein Blick auf den Kontext: Die Filme hatten eine Länge von 60 bis 75 Minuten, die Budgets lagen weit unter denen der Mainstream-Filme, daher waren ein komplexes, anspruchsvolles Storytelling wie in anderen Filmen kaum möglich. Die Regisseure mussten alles im Lowbudget-Bereich zusammenbekommen, waren aber dennoch technisch auf einem guten Stand – Farbfilm, Widescreen, gute Schauspieler. Viele der Filme waren sehr poetisch. Mehr als auf die Story sollte man auf die Stimmung achten und auf ihre emotionalen Inhalte, die sie zu vermitteln versuchen. NIGHT OF THE FELINES ist ein großartiges Beispiel, das einen Blick auf Shinjuku, Tokio in den frühen 70ern mit einem gewissen Retro-Gefühl vermittelt und das ein lebendiges Portrait der Sexarbeiterinnen zeichnet.

In deinem Vortrag hast du darüber gesprochen, dass viele Roman Porno Filme einen Blick auf die Außenseiter der Gesellschaft werfen. Darin steckt ja auch ein subversives Potential. Kannst du mir etwas darüber erzählen?
Ich glaube, japanisches Kino hat immer einen gewissen Grad an Eskapismus. Du kannst dir etwa die Filme von Mizoguchi anschauen. SISTERS OF GION aus den 30ern handelt von Geishas, in STREET OF SHAME aus den 50ern geht es um Prostituierte. Das sind keine Sexfilme, sondern es geht um die Themen an sich. Ich finde es interessant, dass all diese Filme, auch die Roman Pornos, sich mit der Dynamik und den Beziehungen einer kleinen Gruppe von Menschen befassen, die man als Außenseiter bezeichnen kann. Diese Filme vermitteln dir eine Idee einer versteckten Welt. Deshalb habe ich mein Buch vielleicht auch BEHIND THE PINK CURTAIN genannt (lacht). In vielen Filmen ist das so, auch in Hollywood Actionfilmen geht es oft um Menschen an den Grenzen des wahren Lebens.

Das Thema Zensur wird auch in einigen Roman Porno Filmen behandelt. Das ist eine Art Selbstreferenz, aber auch ein politisches Statement. Kann man sagen, dass Roman Porno politisch ist?
Da greift im Grunde das Argument, dass alle Filme politisch sind (lacht). Aber ja, sind sie, Kumashiro im Besonderen. Nachdem Nikkatsu von der Polizei durchsucht und vor Gericht gestellt wurde, drehte Kumashiro einige Filme, die die Zensur angriffen. In FOLLOWING DESIRE geht es um eine Stripperin, die auch wegen öffentlichen Unsittlichkeiten festgenommen wird. WOODS ARE WET, das nicht Teil der Retrospektive ist, ist im Grunde Marquis de Sades JUSTINE. JUSTINE wurde in den 60ern ins Japanische übersetzt und die Herausgeber wurden wegen Obszönität vor Gericht gestellt. THE WORLD OF GEISHA basiert auf einem Buch eines japanischen Schriftstellers aus den 1910er-Jahren, der verfolgt wurde. Der Film spielt in jener Zeit, und griff historische Zwischenfälle auf, wie die Reisunruhen von 1918 und die japanische Berichterstattung über die Russische Revolution. Dabei werden gedruckte Buchstaben verdeckt. Während der Sexszenen gibt es Zwischentitel, auf denen etwas in der Art zu lesen ist wie „I’m Coming“, das verdeckt wird, so dass nur „I’* ***ing“ zu lesen ist. Es ist also offensichtlich, was gerade geschieht. Auch Zeitungsberichte über die Reisunruhen sind zu sehen, auf denen Buchstaben verdeckt werden, was vor allem während der Kriegszeit häufig geschah. Das ist auch politisches Material, in dem es um Machtbeziehungen und die Einmischung des Staates in die Medien geht.

Der Gebrauch und die Veränderung von Zwischentiteln erinnert mich an Godard.
Ja, bei Kumashiro ist definitiv ein Einfluss der Nouvelle Vague zu erkennen. Die Filme wurden in den 60ern in Japan gezeigt und viele Regisseure der 60er- und 70er-Jahre interessierten sich für die Nouvelle Vague. Auch Tanaka – er hatte zwar keine Zwischentitel verwendet, aber er studierte französische Literatur, er liebte die Kultur und interessierte sich auch für französisches Kino. Es ist eine Gefahr, das japanische Kino als ein Vakuum zu verstehen, das ohne äußere Einflüsse stattfand – selbst in den 50ern kamen viele Hollywoodfilme nach Japan.

Wie haben dir die Filme des Roman Porno Reboots gefallen?
Offen gesagt, habe ich keinen der Filme gesehen. Das Nikkatsu von heute ist nicht mehr das Nikkatsu von damals, es gibt keine Kontinuität des Studios. In den 60ern waren es im Grunde dasselbe Management, dieselben Mitarbeiter und derselbe Vertrieb. Die Regisseure mögen gewechselt haben, aber die Organisation blieb dieselbe, als sie Roman Porno produzierten. 1992 war Nikkatsu bankrott. Viele behaupteten damals, dass dies mit dem Ende von Roman Porno zusammenhing, aber die Unternehmen waren nicht nur in der Filmproduktion aktiv, sondern auch im Kino-Management und anderen Feldern der Freizeitgestaltung, sie betrieben Golfplätze und Hotels. Ich denke, es war wohl ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren. Das Computer-Spiele Unternehmen Namco griff den Namen wieder auf und begann Ende der 90er mit der Produktion von kaum fünf Filmen pro Jahr, überwiegend Co-Produktionen und keine großen kommerziellen Erfolge. Die gesamte Filmlandschaft Japans hatte sich stark verändert. Was sie hatten, war der Zugang zu einem Back-Katalog von Hunderten und Aberhunderten von Filmen. So gab es etwa zahlreiche Retrospektiven und internationale Lizenzverkäufe der Werke von Seijun Suzuki – der 1967 mit dem Argument von Nikkatsu gefeuert wurde, dass seine Filme kein Geld brachten (lacht). Er hat ihnen höhere Einnahmen gebracht, als jeder andere Regisseur. Ehrlich gesagt glaube ich, dieses Reboot ist tatsächlich mehr ein Vorwand, um auf den Back-Katalog aufmerksam zu machen. Vor fünf Jahren gab es schon einmal ein Rebbot. Ich vermute, dass eher wenig Interesse an den Filmen selbst besteht und sie außerhalb von Filmfestivals kaum einen Vertrieb finden werden – aber es kann zu neuem Interesse an den alten Filmen führen. Ich werde sie mir aber noch ansehen, wie ich gehört habe, sollen sie auch nicht schlecht sein.

Du hast erwähnt, dass du die Arbeit an deinem Buch aufgenommen hast, weil das Thema so lange ignoriert wurde. Bei mehr als 850 Roman Porno Filmen und allem was darüber hinausgeht, Pink Film und so weiter, ist das eine ziemlich große Aufgabe. Was hat dich dazu bewegt, dich dieser Herausforderung zu stellen?
Das ist eine wirklich interessante Geschichte. Das erste was mir auffiel, als ich 2001 nach Japan zog, war Video-Shop Kette Sutaya, die Großteile der japanischen Filmgeschichte im Programm hatte. Bis dahin hatte ich von vielen Titeln nur gelesen und hier waren sie nun alle verfügbar und dazu noch viele, viele mehr. Damals war es mir sehr ernst damit, alles über das japanische Kino erfahren zu wollen, also lieh ich mir jede Woche fünf Videos aus. Fast immer war auch ein Roman Porno dabei, damit ich ein Gefühl dafür bekam, was diese wirklich ausmachte. Zudem hatte ich einige andere Behind the Pink CurtainGaijin-Freunde aus den USA, Frankreich, Deutschland, wie Alex Zahlten, die alle Interesse am japanischen Kino hatten. Wir tauschten uns über die Filme aus, die wir gesehen hatten und arbeiteten uns so gemeinsam durch die japanische Filmgeschichte. In dieser Zeit kam Masao Adachi, ein Pink-Filmemacher aus den 60ern, zurück nach Japan, nachdem er 1971 verschwand. Er verließ das Land und ging in den Nahen Osten, er hatte Kontakte zur Japanischen Roten Armee und den Palästinensern. Als er nach Japan zurückkehrte, wurde viel über ihn gesprochen und jemand zeigte mir Filme von ihm, die wirklich fantastisch waren. Sie waren sehr von der New Wave geprägt, sehr anarchische Spät-60er Filme, Studentenproteste, avantgardistische Zugänge zu Politik und Sex. Das übte eine Faszination auf mich aus. Zudem erinnere ich mich, dass ich die Party eines Freundes besuchte, der für das Programm eines Filmfestivals verantwortlich war. Er traf sich mit Filmemachern, die zu dem Zeitpunkt alle gegenwärtige Pink-Filmemacher waren, darunter auch Takahisa Zeze, einer der Four Devils. Sie erzählten, dass sie ihre Filme auf 35 Millimeter drehen, was mich erstaunte: Warum drehte jemand 2001 Sexfilme auf Filmmaterial, um sie im Kino zu zeigen? Das machte überhaupt keinen Sinn. So wurde ich neugierig auf die Gegenwart und die Vergangenheit und ich hatte Zugang zu all dem Material aus einer völlig verborgenen Filmgeschichte Japans. Die Arbeit an dem Buch hatte damit einen definitiven Anfang, aber es gab auch ein definitives Ende. Als ich das Buch fertig hatte, war die Industrie ziemlich am Ende und niemand sah eine Zukunft darin. Während ich BEHIND THE PINK CURTAIN schrieb, war mein Interesse am Roman Porno nur zweitrangig, mein Hauptaugenmerk galt dem Pink Film, der unabhängiger, experimenteller und mehr im Untergrund war. Roman Porno wurde zu der Zeit eher als Mainstream betrachtet. Das ist jetzt zehn Jahre her, seitdem habe ich mich mehr mit Nikkatsu beschäftigt, auch mit den früheren Sachen. Daher erscheint mir Roman Porno auch nicht mehr als kompletter Bruch, sondern mehr als ein Richtungswechsel des Studios.

Lest auch Teil 1 des Okaeri-Specials zum Roman Porno: Blick hinter den Vorhang: Nikkatsu Roman Porno

Interview und Fotos: Sascha Schmidt

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