Ghibli Museum Tokio: Zu Gast bei Totoro

In einem Universum voll einzigartiger Figuren sticht der rostbraune Riese mit dem sanften Wesen noch einmal besonders hervor: Der Roboter von Laputa, der dem SCHLOSS IM HIMMEL seine Seele verleiht, als dort schon längst kein Mensch mehr beheimatet ist. Kein Wunder also, dass sein lebensgroßes Abbild zu den Besucherlieblingen im Ghibli-Museum in Mitaka gehört.

Rund eine halbe Stunde dauert es, bis man aus dem Herzen Tokios in den verschlafenen Vorort gelangt, den Hayao Miyazaki auserwählt hat, um hier ein Museum ganz nach seinen Vorstellungen zu erschaffen. In einem kleinen Souvenirband beschreibt er diese Vorstellungen so: Kein arrogantes Museum sollte es werden, kein prätentiöses und keines, das seine Gegenstände als wichtiger erachtet, als die Menschen. Stattdessen soll es ein Ort sein, der die Besucher zum Fühlen und Genießen anregt, ein Ort der die Menschen bereichert und an dem sich die Seele entspannen kann.

Während dieser Ansatz dem Museum ein Stückweit das Museale nimmt, betont er zugleich das Besuchserlebnis. Wohlgemerkt: Ohne dadurch zum Vergnügungspark zu werden. Das Ghibli-Museum ist ein Ort, den man so vielleicht nicht erwarten würde und den es so wohl auch kein zweites Mal auf der Welt gibt: Miyazakis Gedankenwelt, bloß dieses mal eben nicht auf Papier.

Ein Raum wie ein Scrapbook

Über mehreren Etagen und Plateaus im Innen- und Außenbereich der auffällig bunten Villa erstreckt sich das Ghibli-Museum. Ein kleines Kino gehört mit dazu, in dem eigens produzierte Kurzfilme zu sehen sind, es gibt einen Raum für jährlich wechselnde Sonderausstellungen, in einem Spielraum für die Kleinen wartet ein riesiger Katzenbus darauf, erklommen zu werden und auch ein reich bestückter Shop darf natürlich nicht fehlen. Das Herzstück aber, und hier wird das Museum seiner Bezeichnung dann doch noch irgendwie gerecht, bilden zwei besondere Bereiche, in denen es um Inspiration und Animation geht (und in denen leider ein Fotoverbot gilt).

„Where a Film is Born“, der erste dieser beiden Bereiche, ist aufgebaut, wie ein lebendiges Scrapbook. Im Kern stellt er das Arbeitsumfeld Miyazakis und seines Teams nach: Ein Schreibtisch steht da, auf dem zerknülltes Papier liegt, ein Zeichentisch mit Lampe im Tischbrett, dazu: Obstschalen, Aschenbecher, Bleistiftstullen. All das soll den Eindruck erwecken, als würde man mal eben kurz vorbeischauen und einen Blick auf den Alltag des Studios werfen, als wären der Meister und seine Gesellen zufällig gerade nicht am Platz, nur um in wenigen Augenblicken wieder zurück zu kehren.

Was die Szene indes unwirklich macht, ist die Fülle an Eindrücken, die sich bis an die Decke durch die drei kleinen, ineinanderlaufenden Räume zieht: Scribbles, Konzeptzeichnungen und originale Film-Cels sind da zu sehen, Miniaturen und Modelle, ganze Bücher voller Referenzfotografien von Gebäuden, Landschaften, Pflanzen, von denen man so Manche aus den Filmen Miyazakis zu kennen meint. Es dauert eine Weile, bis man sich zurecht findet, zumal auf Beschriftungen und Erläuterungen völlig verzichtet wird. Doch ganz allmählich fügt sich zusammen, was die Magie des Ghibli-Universums ausmacht: Es ist diese wundervolle Liebe zum Detail, das penible Studium seiner Gegenstände und die achtsame Ausgestaltung der Welten, in denen die Helden ihre wundersamen Abenteuer erleben.

Plastische Figuren zum Leben erweckt

Wie sie dann zum Leben erweckt werden, das ist Thema des zweiten Bereiches, „The Beginning of Movement“, im Erdgeschoss des Hauses. Selbst wer schon vorher verstanden hat, wie die Bilder laufen lernen, wie aus zahlreichen Einzelbildern ein bewegter Film entsteht, wird hier ins Staunen versetzt.

In einem großen Schaukasten etwa sind mehrere Projektoren gleichzeitig und quer durcheinander montiert. Parallel laufen hier verschiedene Filmstreifen durch und geben ihre Bilder preis. An anderer Stelle sind Film-Cels so angeordnet, wie sie abgefilmt werden und man erkennt, wie vielschichtig eine einzelne Szene sein kann: Bis zu elf verschiedene Folien mit Figuren, Vorder-, Mittel- und Hintergrundebenen sind da vor dem statischen Hintergrund angebracht. So erlangt eine Sequenz Lebendigkeit und Tiefe.

Ganz außergewöhnlich jedoch thront ein anderes Exponat in diesem Ausstellungsraum: Eine Sommerlandschaft mit den Figuren aus MEIN NACHBAR TOTORO, angeordnet auf einem tortenartig anwachsenden, kreisrunden Untergrund. Mannshoch ist die Installation und eine gute Armspanne breit. Ringsum auf der Horizontalen sind jeweils mehrere Versionen derselben Figuren angebracht, die sich in ihrer Form kaum merklich voneinander unterscheiden. Erst als die Plattform sich rasant zu drehen beginnt, wird klar: Diese Landschaft ist ein dreidimensionales Zoetrop, das seine einzelnen Elemente durch Rotation und einen Stroboskopeffekt in Bewegung versetzt. Anstelle von Einzelbildern werden hier die plastischen Figuren von Totoro, Satsuki und Mei im schnell getakteten Lichtschein des Stroboskops zum Leben erweckt.

Wirklich ein Museum?

Drei Sekunden, heißt es, verbringen Menschen im Museum vor einem Gemälde. Wer kein spezifisches Interesse an der Technik hat, wird in einem klassischen Filmmuseum auch einem Projektor oder einem klassischem Animationsmechanismus nicht viel mehr Aufmerksamkeit widmen, zumal es hier meist mehrere Exemplare aus verschiedenen Epochen gibt. Da ist der Ansatz des Ghibli-Museums schon etwas Außergewöhnliches, denn er fesselt die Besucher und verdeutlicht die Funktion des Animationsfilms auf ebenso geniale wie nachhaltige Weise.

Dass völlig auf eine Aufarbeitung der Geschichte des Studios verzichtet wird, auf dessen Motive, auf eine strukturierte Filmographie, auf die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Joe Hisaishi oder den vielen anderen, am Erfolg der Ghibli-Filme Beteiligten, ist dennoch schade. Hier hätte noch deutlich mehr Potential in einem Ort gesteckt, der zur Pilgerstätte von Fans aus aller Welt geworden ist. Ein Museum sammelt und bewahrt, forscht und vermittelt. Bis auf wenige Ausnahmen trifft das alles hier kaum zu.

Wenngleich das Ghibli-Museum daher nur bedingt als Museum im engeren Sinne funktioniert, ist es dennoch ein wundervoller Ort, der der Liebe zu den Filmen des Studios ein räumliches Pendant bietet.

So erfüllt es schon gleich am Eingang den eingangs erwähnten Anspruch, ein Ort zu sein der bereichert und der die Seele entspannt – dann nämlich, wenn man am Ticketschalter persönlich in Empfang genommen wird: Von einem nahezu lebensgroßen Totoro.

 

Eine zweite Meinung aus Familienperspektive gibt es auf Weltwunderer.de.
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