Kikujiros Sommer

In KIKUJIROS SOMMER schickt Takeshi Kitano ein ungleiches Duo auf Reisen und erschafft damit ein ein gefühlvolles Roadmovie, bei dem alles ein wenig anders kommt, als erwartet. Jetzt ist der Film als limitierte 4-Disc Collectors Edition in der aufwendigen Mediabook-Reihe von Capelight Pictures erschienen.

In einem Beitrag für National Geographic schrieb Reisejournalist Rob Goss, dass er seine Gäste stets gerne in das wahre Tokio führe, fernab all jener Klischees, die der Metropole anhaften. So etwa zu einem Spaziergang durch Asakusa, im Nordosten der Stadt, der einstigen Shitamachi, der Unterstadt Tokios, wo zur Edo-Zeit Händler, Handwerker und Seeleute zu Hause waren und die auch heute noch einen aufregend entspannten Kontrast bildet zu den schicken Ausgehvierteln wie Shinjuku oder Shibuya.

Hier, in Asakusa ist Takeshi Kitano selbst aufgewachsen und hier beginnt auch das Abenteuer des jungen Masao, der in einer kleinen Wohnung bei seiner Großmutter lebt. Tagsüber arbeitet diese an einem Imbiss am Sensoji-Tempel. Sein Vater ist tot, seine Freunde verreisen über die Sommerferien und seine Mutter hat der Junge nie kennen gelernt – sie arbeite, um ihn zu unterstützen, erklärt die Großmutter ihrem Enkel. Eine Nachbarin fasst kurzerhand den Entschluss: Ihr nichtsnutziger Mann soll den Jungen zu seiner Mutter ins entfernte Toyohashi bringen. 50.000 Yen gibt sie ihm dafür. Weil der ehemalige Yakuza das Geld jedoch in kürzester Zeit für Pferdewetten, Frauen und Alkohol verprasst, entwickelt sich die Reise ziemlich anders, als erwartet.

„Ein Bad Guy der zufällig Gutes tut“
KIKUJIROS SOMMER ist ein ebenso humorvolles wie melancholisches Roadmovie, ein Märchen, erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das auf die Kapitel seines liebevoll zusammengetragenen Erlebnisbuches zurückblickt: Für Masao ist es der brummige Yakuza Kikujiro, der im Mittelpunkt seines Sommers steht.

Mehr als in allen anderen Genres ist beim Roadmovie der Weg das Ziel. Mit seinem gebrochenen Erzählstil, den vielen Ellipsen und seinem Fokus auf vermeintlich Nebensächliches treibt Kitano diese Tatsache in KIKUJIROS SOMMER noch weiter auf die Spitze. Dabei, so erfährt man im Booklet, gibt er im ‚Kochbuch‘ seines Filmes kein konkretes Rezept vor, sondern er entwickelt erst während des Drehs den Film und seine Charaktere – so reagiert er auf das, was seine Darsteller ihm bieten. (Zu sehen ist das in der Making-Of Doku ‚Jam Session‘, die der Filmcrew in Spielfilmlänge über die Schulter blickt und viele Momente vom Dreh und der Postproduktion einfängt.)

Meistens ist es gerade die eigensinnige Kreativität Kikujiros, mit der er versucht, den Widrigkeiten der Reise zu begegnen, die dann zu immer neuen aberwitzigen Situationen führt. „Was ich sympathisch finde, ist die Idee eines Bad Guys, der rein zufällig Gutes tut“, erklärte Kitano einmal in einem Interview mit Tony Rayns. „Das wurde zur Grundregel des Films: Gute Ergebnisse entstehen zufällig durch schlechtes Verhalten.“

So fügen sich in KIKUJIROS SOMMER eine Vielzahl von Vignetten zusammen, von denen jede einzelne für sich steht und die in ihrer Summe erst den Charakter dieses wundervollen Sommer-Roadmovies ausmachen: Witzig und melancholisch, brutal aber unglaublich herzlich. Erheblichen Anteil am Gelingen haben dabei sowohl die fantastischen Einstellungen von Kameramann Katsumi Yanagijima, mit dem Kitano bis heute zusammenarbeitet, als auch das eingängige Hauptthema von Komponist Joe Hisaishi, das dem Film einen emotionalen Rahmen bietet und das auch nach dem Film noch eine ganze Weile nachklingt – umso mehr nun übrigens, da dem Mediabook der Soundtrack auf CD beiliegt.

Coming-Of-Age – nur umgekehrt
Nur vordergründig entledigt sich KIKUJIROS SOMMER jener Gewalt, von der Kitano hier bewusst Abstand nehmen wollte, um mit den Erwartungen seines Publikums zu brechen. Tatsächlich gibt es im Film allenfalls angedeutete On-Screen-Gewalt, doch Kindesmissbrauch, physische Auseinandersetzungen und psychologische Dominanz spielen dagegen eine erhebliche Rolle. Daraus lässt sich nicht zuletzt auch eine Erkenntnis ableiten, die für Kitanos Gesamtwerk gilt. Auch wenn seine Gewalt oft unvermittelt und für den Zuschauer schmerzhaft erscheint, ist er ein Filmemacher, der sich der beiden Dimensionen dieser Szenen bewusst ist: sowohl dem intensiven Körperkino seiner expliziten Gewaltmomente, als auch dem der handlungstreibenden Effekte jener Gewalt.

Genau um diese zweite Dimension nämlich geht es in KIKUJIROS SOMMER: Immer wieder, wenn Gewalt ins Spiel kommt, bedeutet das eine Zäsur und zwar für Kikujiro selbst. Lässt er Verantwortung, Scham und Gewissen anfangs noch kläglich vermissen, entwickelt er sich im Laufe der Reise meist durch solche Gewaltmomente ein Stück weiter in seiner Rolle als eine Art Vaterfigur. Coming-of-Age quasi, nur umgekehrt: das Kind bleibt Kind, die Veränderung durchlebt der Erwachsene.

Persönliches Werk

Obwohl manches darauf hindeutet, finden sich wohl kaum wirklich autobiografische Elemente in KIKUJIROS SOMMER – auch darum geht es in dem Interview, das im Booklet abgedruckt ist. Dennoch besitzt der Film eine starke persönliche Note: Kitano selbst ist, wie eingangs erwähnt, in Asakusa aufgewachsen. Im Touristcenter gleich gegenüber des Tempels und der Verkaufsstraßen, durch die Masao zu Beginn der Filmes läuft, erinnern Fotografien an Auftritte Kitanos bei lokalen Comedy-Events. Wichtige Figuren, denen Masao und Kikujiro auf ihrer Reise begegnen, besetzte der Filmemacher überdies mit Darstellern seiner eigenen Comedy-Truppe und auch sein früherer Partner und Weggefährte Beat Kiyoshi, der zweite der  berüchtigten „Two Beats“, hat einen kurzen Auftritt, als er an einer Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo auf die beiden Reisenden trifft.

Es ist die vielleicht absurdeste Situation in einer an wundervoller Absurdität nicht armen Geschichte. Spielerisch werfen die beiden sich die Bälle zu, überhöhen Nichtiges und verweigern sich dabei jeglicher Logik. Am Ende, und damit kokettiert Kitanos durchaus, hat dieser Moment weder die beiden, noch die Handlung auch nur ein Stück vorangebracht – ein Fragment von vielen, so bissig, überheblich und charmant, dass es exemplarisch für den ganzen Film stehen kann.

Und dann ist da auch noch Kikujiro selbst – jener Bad Guy, der zufällig Gutes tut. Ihm hat der Filmemacher den Namen seines eigenen Vaters gegeben.

Bildergalerie: Schauplatz Asakusa heute

Wie persönlich der Film für Kitano tatsächlich geworden ist, das erfährt man schließlich im Making-Of ‚Jam Session‘: „Ich glaube das ‚Ich‘ in meinen Filmen, ist mein tatsächliches Ich“, sagt er darin. „Viele meiner Arbeiten fürs Fernsehen sind künstlich, aber beim Film kann ich nicht anders, als mich der Wahrheit zu nähern, obwohl es scheint, als würde ich nur herumspielen. Aber du kannst nicht anders: Du willst deine Natur und Essenz zeigen.“ Traum, Fiktion und Realität – nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera scheinen sie zu verwischen.

KIKUJIROS SOMMER ist ein zeitlos schönes und poetisches Werk, das mit der 4-Disc-Mediabook-Ausgabe als Limited Collectors Edition von Capelight Pictures jetzt endlich eine würdige Veröffentlichung in Deutschland bekommen hat. Neben dem Film auf BluRay und DVD gibt es ein Booklet mit einem Text von Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, die Filmmusik von Joe Hisaishi auf CD sowie, ebenfalls auf eigener BluRay als Bonusfilm, die großartige Altherren-Yakuza-Komödie RYUZO AND HIS SEVEN HENCHMEN, die alleine schon die Anschaffung wert wäre.

Kikujirô no natsu, Takeshi Kitano, Japan 1999, 121 min.

Szenenbilder: Capelight Pictures

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