Ryuzo and the seven Henchmen

Mit fast 70 Jahren bleibt Takeshi Kitano einer Tendenz als Filmemacher treu: Neben seinen harten Yakuzaballaden dreht er immer wieder auch absurd-komische Komödien.

Während er in den letzten Jahren all seine Härte in die OUTRAGE-Trilogie steckte, dreht sich bei seinem jüngsten Abstecher ins komische Fach nun ebenfalls alles um eine, nun ja, recht eigensinnige Yakuzabande. Denn die Gangster in RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN sind zwar nicht weniger skrupel-, ruch- und gnadenlos als es die Protagonisten etwa von SONATINE oder BOILING POINT sind, doch haben sie ihr stattliches Rentenalter längst überschritten. Eine Prämisse, die Genre-Routinier Kitano bis aufs Äußerste zu deklinieren versteht – und dabei so manche irrwitzige Blüte treibt.

„Sie nannten mich Ryozu der Dämon!“, faucht der alte Mann mit den silbernen Strähnen im Haar trotzig. Und wären da nicht die Tattoos, die unter seinem Unterhemd auf der nicht mehr allzu straffen Haut vom kriminellen Glanz vergangener Tage erzählten, man könnte ihn für einen verbitterten Hochstabler halten.  Geduldig muss er sich heute von seinem Sohn und seiner Schwiegertochter Standpauken anhören, die Aura jenes ‚Dämons‘ – sie genügt gerade noch, um die Nachbarskinder zu erschrecken.

Nicht jeder Yakuza erreicht dieses stolze Alter und überhaupt, die Kriminellen des alten Schlags scheinen in dieser Zeit kaum mehr eine Rolle zu spielen. Das erfahren Ryuzo und sein einstiger Yakuzabruder Masa, als in ihrer Gegend immer mehr krumme Dinge vor sich gehen, die alle auf ein neuartiges Verbrechersyndikat hindeuten. Gemeinsam beschließen die beiden Senioren noch einmal ihre alte Bande zusammenzutrommeln, um eine neue Familie zu gründen. Damit sorgen sie für mächtig Wirbel in ihrem Bezirk – und pinkeln den aalglatten Business-Gangstern mächtig ans Bein.

Mit Witz und Verve variiert Takeshi Kitano in RYOZU AND THE SEVEN HENCHMEN das Yakuza-Genre und wer mit seinem Humor vertraut ist, der wird sich auch nicht darüber wundern, dass die ein oder andere Flatulenz dabei nicht fehlt. Subtilität ist nun auch nicht eine der Eigenschaften, wofür man den Bühnen-, Film- und TV-Komiker Kitano schätzt. Doch auch, wenn der – zugegeben: infantile – Running Gag mit dem Lüftchen manchem Kritiker sauer aufgestoßen ist – eigentlich geht es darum überhaupt nicht.

Was RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN tatsächlich ausmacht, ist Kitanos reflexiver, satirischer und selbstironischer Umgang mit den Mythen und Ritualen der japanischen Unterwelt. Gefangen in ihrem Habitus kommen die Senioren-Gangster einfach nicht klar mit einer Gesellschaft, die sie an den Rand drückt, statt ihnen mit gehörigem Respekt zu begegnen. Ganz nebenbei ein augenzwinkernder Kommentar auf eine der großen Debatten des Landes: Auch vor der Halbwelt machen Generationenkonflikt und die Frage um das Miteinander einer überalterten Gesellschaft nicht halt.

Alleine schon Schauspiel-Veteran Tatsuja Fuji  (IM REICH DER SINNE, STRAY CAT ROCK) zu erleben, ist dabei eine helle Freude: In einem Moment fehlt ihm als Ryuzo kein Deut von jener Überheblichkeit an der man in der dezenten öffentlichen Kultur Japans jederzeit problemlos einen Yakuza erkennt. Einen Augenblick später dann fällt er auf einen Enkeltrick herein, der als oreore sagi leider auch in Japan recht populär ist. Dabei ist Ryuzo so naiv, dass man ihn zum Trost beinah in den Arm nehmen möchte, doch beim Aufeinandertreffen mit dem vermeintlichen Kollegen des Enkels kommt dann alles ganz anders. Wohl meine Lieblingsszene des ganzen Films!

Auch darüber hinaus strotzt der Film vor Yakuza-Kultur im großväterlichen Gewand. Vom rituellen Sake-Trunk zur Clan-Bildung über die ehrerbietende Bekanntmachung im Viertel bis zum Gaisensha, den auffällig beklebten Propaganda-Trucks der nationalistischen Uyoku dantai-Gruppen, den Ryuzo und seine Handlanger für ihre Zwecke nutzen. Diese auffällig beklebten und mit Lautsprechern ausgestattete Wagen werden immer wieder auch von Yakuza-Gruppen benutzt, um so unter dem Deckmantel der politischen Meinungsfreiheit  eigene Ziele zu verfolgen (ebenfalls filmisch umgesetzt übrigens in dem empfehlenswerten MINBO – DIE KUNST DER ERPRESSUNG). Es sind viele Episoden, die sich zutragen, während die alten Herren sich wieder in Form bringen und immer wieder sorgen die Wirrungen, die dabei entstehen, für unglaublich humorvolle Momente: Wenn Ryuzo und Masa im Nudellokal die Gäste anpöbeln, der Wirt sich weigert zum neuen Stammlokal des Clans zu werden, oder der gefürchtete Dämon auf die Finken der Familie Acht geben soll.

Kitano weiß ganz genau, wie ein Yakuza-Film funktioniert. Und ebenso gut weiß er, wie man ihn zerlegt und seine Mechanismen mit viel Humor ad absurdum führt.

Randnotiz: „Mac“, der zitterige Tatterkreis der sieben Henchmen, mit der flotten Lederjacke und dem locker sitzenden Finger am Abzug, erhielt sein Pseudonym eigentlich als Hommage an Draufgänger Steve McQueen.  Doch in Japan ist ein ganz anderer „Mac“ viel populärer und zwar Polit-Sonderling Mac Akasaka, als der der wackelige Yakuza einmal von der gegnerischen Bande verunglimpft wird. Über Mac Akasaka gab es vor einigen Jahren einen wirklich sehenswerten Dokumentarfilm über den ich seinerzeit auch hier im Blog etwas geschrieben hatte.

Nachdem RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN 2016 bei der Nippon Connection mit dem Publikumspreis Nippon Cinema Award ausgezeichnet wurde, ist er in Deutschland als Bonusfilm im 4-Disc Limited Collector’s Mediabook von KIKUJIROS SOMMER bei Capelight Pictures erschienen.

Ryûzô to 7 nin no kobun tachi, Takeshi Kitano, Japan 2015, 125 min.

Die zweite Meinung: Ryuzo and the Seven Henchmen bei Tanuki Republik

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