Fish Story

Seemannsgarn, Jägerlatein, Räuberpistole – englisch: Fish Story. Auch in Yoshihiro Nakamuras FISH STORY ist der Begriff im O-Ton englisch und muss übersetzt werden. Und das passt – denn was Nakamura hier in vier launigen Episoden erzählt, das ist – bei vollem Vorsatz – schon ein mächtiger Brocken. Eigentlich steht „Fish Story“ in seiner Geschichte aber für etwas anderes, nämlich für den Titel einer legendären LP und den weitreichenden Kult, der über die Jahre um sie entstanden ist.

Von vorne: 1975. „Ein Jahr vor den Pistols – die Beatles aufgelöst, Velvet Underground längst seltsam“, sprengt die kurzlebige Band Gekirin galante Abendgesellschaften mit rauen Rockrhythmen und bringt kurz darauf die erste Punk-LP überhaupt heraus. Gekirin verschwindet bald, doch Punk wird das nächste große Ding und der Kult um die Platte hält auch Jahrzehnte später noch an. In mehreren Episoden greift FISH STORY diesen Kult auf und begleitet verschiedene Figuren ein Stück auf ihrem Weg.

Die dramatischste von allen kommt dabei gleich zu Beginn, als zunächst etwas überdimensioniert wirkende Exposition für den gesamten Film: 2012 ist Tokio nahezu menschenleer. Evakuiert. Ein riesiger Asteroid droht in wenigen Stunden auf die Erde zu stürzen und alles Leben auszulöschen. Nur ein Plattenverkäufer ist sicher: „Fish Story“ – dieses Album wird die Welt retten! Wird er Recht behalten?

FISH STORY ist ein kraftvoller, vergnüglicher Genre-Mash-Up, der in seinen Episoden ganz unterschiedliche Qualitäten ausspielt und der dabei auch nicht vor zuweilen absurden Zuspitzungen und Übertreibungen zurückschreckt – ein außergewöhnlicher Musik-Schrägstrich-Weltuntergangs-Schrägstrich-Beziehungsfilm (und noch einiges mehr). Gut möglich, dass nicht jeder jeden Handlungsstrang mit seinen Besonderheiten gleichermaßen schätzen wird, doch spätestens das knallige und schier unfassbare Finale wird alle wieder versöhnen. Mir persönlich haben tatsächlich alle Episoden gut gefallen!

Am stärksten ist zweifelsohne die Episode rund um die Band Gekirin selbst, die sicher auch ohne die Fish Stories, die Räuberpistolen der übrigen Episoden, als mitreißender Musikfilm funktioniert hätte. In ihr prallen Establishment und Rebellion schallend aufeinander, hier liegen künstlerische Innovation und die dicken Steine auf dem Weg nach oben ganz dicht beisammen. Getragen wird das alles von der Band selbst, von Atsushi Ito, Kengo Kora, Kiyohiko Shibukawa (LOWLIFE LOVE) und Toshimitsu Okawa, die hier über ihre Rollen hinaus zu einer wirklichen Band zusammengewachsen sind. Vom routiniertem Profi-Musiker über den Hobbykünstler, der nie zu Noten gespielt hat, bis zum blutigen Neuling: Zwei Monate haben die Darsteller vor den Dreharbeiten dafür geprobt und so ist aus  ihnen eine Band entstanden, deren Weg und deren Auftritte man gerne miterlebt. Ganz zu schweigen von dem grandiosen Titeltrack, der auf einem Riff des Songs New Rose der legendären britischen Band THE DAMNED basiert. Der wiederum ging als erste britische Punk-Single in die Geschichte ein und lag damit – wie Gekirin im Film – auch tatsächlich zeitlich noch vor der Debütsingle der Sex Pistols.

Der Song ist den musikalischen Spoiler allemal wert und wer den Film bereits gesehen hat, kriegt ihn eh nicht wieder aus dem Kopf. Bitteschön:

Wem es gelingt, die Endlos-Schleife zu unterbrechen, der kann dann auch gleich mit THE DAMNED weitermachen:

Fisshu sutôrî, Yoshihiro Nakamura, Japan 2009, 112 min.

 

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